Hoch-Kant abgeschafft

Kant fordert so zu handeln, dass daraus ein allgemeines Gesetz werden kann. Kann nun aus der Forderung, alle Menschen mögen so handeln dass daraus allgemeines Gesetz werden könnte, ein allgemeines Gesetz werden? Oder: Kann Kant sich selbst treu sein?

+ Es wäre wahrscheinlich, dass weniger selbstbezogen gehandelt würde, da man selber Opfer seiner Handlung werden könnte
+ Es würde eine gewisse Zuverlässigkeit und Pflichtbewusstsein entstehen, da man sich an allgemeinen Richtlinien orientierte

- Auf Einzelschicksale könnte zu wenig eingegangen werden, da situative Faktoren nicht oder zu wenig berücksicht werden
- Man wäre hauptsächlich darauf bedacht richtig zu handeln, ungeachtet dessen, was damit bewirkt wird

Es scheint mir schwer objektivierbar, zu überlegen, ob eine Handlung zum allgemeinen Gesetz erhoben werden kann - es ist eine Art von ethischem System, die nach ihren Folgen schaut. Je nachdem, ob die Folgen einer Handlung - wenn diese Handlung allgemeines Gesetz würde - hinnehmbar sind oder nicht - also man wollen kann, dass die Handlung zum allgemeinen Gesezt wird -, wird diese Handlung zum allgemeinen Gesetz erklärt; oder eben nicht. Doch woran soll man nun messen, ob man es wollen kann, was dann passiert, wenn das jeder so täte? Nehmen wir mal den Selbstmord: Kann man wollen, dass die Selbstötung ein allgemeines Gesetz würde und Menschen sich selber töten? Täten das alle Menschen, dann würde der Mensch aussterben. Das könnte schlecht sein - für uns Menschen. Es könnte doch aber gut sein, für die Natur, der wir doch viel Schaden anrichten. Ob eines der beiden empirisch wahr ist, müsste man in einem Experiment herausfinden, was mir sehr schwierig erscheint, wie auch Martin in seinem Artikel heraus findet.

Man müsste es wohl durchbuchstabieren um herauszufinden, ob Kant anwendbar sein kann - und darin liegt meine Kritik, dass es kaum praktikabel schein, sich für jede Handlung zu durchdenken, ob das allgemeines Gesetz werden könnte, und dass es dazu kaum objektivierbar scheint -, aber mir scheint die Gefahr in seinem System innezuwohnen, dass zusehr auf die Einhaltung allgemeiner Regeln geschaut würde und mögliche negative Folgen der Handlung aus dem Blickwinkel geraten.

Das wäre dann meine nächste Kritik an Kantes Forderung. Es besteht schlicht die Gefahr, dass es Situationen geben könnte, in denen eine ethische oder sittliche Handlung einem Einzelnen schadet und der Nettogewinn sich dann bestenfalls ausgleicht, schlimmstenfalls mehr Schaden angerichtet wird in einer Situation. Kantes Forderung verstehe ich als das Akzeptieren von situativ unangenehmen Situationen oder auch Kollateralschäden auf kurze Sicht, um auf lange Sicht sittlich oder ethisch zu handeln. Und da bezweifle ich, dass man das wollen kann oder soll.

Man kann durchaus zum Schluss kommen, dass Lügen oder Stehlen unsittlich ist und daher jemanden verraten oder selber Hunger erleiden da man das Essen nicht klauen geht und den Anderen nicht verraten will - und so bleibt das Einzelschicksal des Ausgeliefertwerden und des Hungerns unberücksichtigt. Doch zugleich fordert Kant, dass man so handeln soll, dass daraus allgemeines Gesetz werden kann, also dass man die Folgen seiner Handlung bedenken solle.

Kantes Überlegung sind auch etwas schizofren: Sie wird zum Einen oft als Ethik betrachtet, die auf die gute oder sittliche Handlung abzielt, undgeachtet ihrer Folgen, doch wie ich oben darlegte, tut sie genau dies eben nicht. Kantes Forderung verlangt eben nicht, danach zu fragen was jemand bewirken wollte, sondern fordert zu fragen, ob diese Handlung allgemeines Gesetz werden könnte und was dies bedeuten würde - also die Frage nach den Konsequenzen. Wenn also jemand lügt um jemanden zu schützen, oder sein Essen stiehlt um Hunger zu vermeiden, dann gilt nicht die gut gemeinte Absicht darin, sondern die Folgen die resultieren würden, wenn diese Handlung allgemeines Gesetz wäre.

Der Utilitarismus (lat. utilitas, Nutzen, Vorteil) ist eine Form der zweckorientierten (teleologischen) Ethik, die in verschiedenen Varianten auftritt. Auf eine klassische Grundformel reduziert besagt er, dass eine Handlung genau dann moralisch richtig ist, wenn sie den aggregierten Gesamtnutzen, d.h. die Summe des Wohlergehens aller Betroffenen, maximiert.

Erst wenn der Gesamtnutzen stimmt, kann man wollen, dass eine Handlung zum allgemeinen Gesetz wird. Und damit ist für mich Kant doch nahe dem Utilitarismus, auch wenn Kant Einzelfallentscheide, wie sie im Utilitarismus möglich sind, auszuschliessen scheint.

Es gibt einige Schwierigkeiten die ich sehe mit Kant und ich wüsste nicht, wie man ihn konsequent anwenden soll.